Welche Kompetenzen fordert das digitale Zeitalter?

19.4.2019flavio.carrera
Pädagogik

Die Menschheit befindet sich derzeit inmitten grosser und spürbarer gesellschaftlicher Umbrüche. Die Digitalisierung verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir kommunizieren, sondern hat Einfluss auf politische und gesellschaftliche Prozesse und nicht zuletzt auf die Arbeitswelt. Doch welche konkreten Auswirkungen hat dieser Wandel auf die Bildungseinrichtungen? Welchen Auftrag haben Schulen im digitalen Zeitalter zu erfüllen? Worauf müssen die heutigen Kinder und Jugendlichen und künftigen Bürger_innen des digitalen Zeitalters vorbereitet werden?

Stellen Sie sich vor, Sie verlieren von einem Tag auf den nächsten Ihren gut bezahlten Job bei einer Versicherung. Und zwar nicht, weil Sie Ihre Arbeit ungenügend gut verrichtet haben, oder weil die Firma aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu Umstrukturierungen gezwungen ist, sondern weil jemand Ihre Arbeit besser und dreissig Mal effizienter verrichtet. Und dies sogar noch kostenlos.

Eine KI übernimmt meine Arbeit

Dies ereignete sich im Jahr 2017, als ein japanischer Versicherer über 30 Arbeitsplätze strich, wobei die bisherigen Arbeiten neu von einer künstlichen Intelligenz der Firma IBM übernommen wurde (9).

Die Frankfurter Allgemeine berichtet über den Aufsehen erregenden Vorfall. Mittlerweile ist er aber kein Einzelfall mehr. (9)

Solche Vorkommnisse befördern eine Diskussion in der breiten Bevölkerung, die sich um die Frage dreht, inwieweit künstlich intelligente Systeme und die Automatisierung dem Menschen die Arbeitsplätze strittig machen und vor allem in Zukunft streitig machen werden. Einige Autoren, wie der Schriftsteller und Philosophe Richard David Precht (7) oder der Blogger Tim Urban vertreten eine düstere Ansicht, wonach für Menschen nicht mehr viel Raum in der Arbeitswelt der Zukunft vorhanden sein wird. Von der Mehrheit der Tätigkeiten, die heute von Arbeiter_innen verrichtet werden, so argumentieren sie, kann nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden, dass sie von KI und Automaten nicht auch bewältigt werden könnten. Und dies sogar effizienter. Precht (6) bezieht sich auf eine berühmte Studie der Oxford-Forscher Carl Frey und Michael Osborne, wenn er prognostiziert:

[D]ie am weitesten entwickelten Länder [verlieren] in den nächsten fünfundzwanzig Jahren 47 Prozent ihrer Jobs.

Richard David Precht

Ähnlich der Blogger Tim Urban. Ihm zufolge werden so genannte super-intelligente Systeme die Rechenleistung menschlicher Gehirne bereits zwischen 2020 und 2030 übersteigen und bald schon Gott-ähnliche Dimensionen erlangen (8).

When Humans Transcend Biology. Entnommen aus: Kurzweil, Ray. The Singularity Is near: When Humans Transcend Biology. Duckworth, 2016. S. 118. (4)

Was dann passiert, das lässt Urban offen, aber er fragt, nicht ohne ein Augenzwinkern (8):

As far as we’re concerned, if an ASI comes to being, there is now an omnipotent God on Earth—and the all-important question for us is: Will it be a nice God?

Tim Urban

Ein sich wiederholender Denkfehler

Demgegenüber gibt es eine breite Front an Experten, die bezweifeln, dass künstlich intelligente Systeme einen derart grossen Einfluss auf die Anzahl Arbeitsplätze haben werden. Ihrer Ansicht nach verfallen Journalisten und Experten, die vor massiven Umwälzungen warnen, die von der Automatisierung verursacht werde, einem Denkfehler, der in der Geschichte der Menschheit schon mehrmals begangen worden sei. Der US-Ökonome David H. Autor, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrt, meint (1):

[…] [J]ournalists and even expert commentators tend to overstate the extent of machine substitution for human labor and ignore the strong complementarities between automation and labor that increase productivity, raise earnings, and augment demand for labor.

Autor, D. (2015) S. 5

Er belegt diese These, in dem er auf die bisherigen Wechselwirkungen zwischen der Automatisierung und der Entwicklung von Arbeitsplätzen eingeht.

Doch was müssen die Menschen des digitalen Zeitalters beherrschen?

Von dieser Kontroverse relativ unberührt bleibt die Frage, welche Kompetenzen im digitalen Zeitalter zunehmend an Bedeutung gewinnen werden und somit von Bildungseinrichtungen vermehrt in den Fokus gerückt werden müssen. In dieser Frage herrscht unter Experten nämlich ein weitaus grösserer Kontext. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich seit längerer Zeit ein Trend abzeichnet.

Wenn analysiert wird, welche Anforderungen im Stellenmarkt in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten an Arbeiter_innen gestellt wurden, so fällt auf, dass die Bedeutung der so genannten „Soft Skills“ kontinuierlich an Bedeutung zulegten. Vieles spricht dafür, dass sich dieser Trend auch in Zukunft fortsetzen und durch die Existenz künstlich intelligenter Systeme sogar verstärken wird. Wenn vermehrt Arbeiten eingespart werden, die von KIs effektiver verrichtet werden können, so muss sich der Mensch auf Gebiete spezialisieren, in welchen diese Gefahr nicht droht oder zumindest weniger gross ist. Denn es wäre töricht, würden die Menschen versuchen, gerade in diesen Bereichen einen Kampf mit der KI aufzunehmen, den sie unmöglich gewinnen können.

Die wichtigen vier Cs

Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) vertritt die Auffassung, dass es allem voran überfachliche Kompetenzen, konkret vier überfachliche Kompetenzen sein werden, die in Zukunft immer gefragter sein werden, namentlich: Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration, auf Englisch: die vier Cs. (5)

Andreas Schleicher an der re:publica 2013, Foto: Tony Sojka

Andreas Schleicher, Direktor des Direktorats für Bildung bei der OECD, setzt sich deshalb auch dafür ein, dass Schulen diesen Kompetenzen mehr Beachtung schenken. Schliesslich geht es darum, die zukünftigen Bürgerinnen und Bürger auch angemessen auf die Herausforderungen des digitalen Zeitalters vorzubereiten. Schleicher schreibt:

„Rather than just learning to read, 21st century literacy is about reading to learn and developing the capacity and motivation to identify, understand, interpret, create and communicate knowledge.“

Quelle: Andreas Schleicher, The Case for 21st Century Learning (5)

Eine Umfrage unter über 760 Managern in den USA stützt Schleichers Einschätzung. Rund 70% dieser Manager sind der Ansicht, dass den vier Cs in der Rekrutierung neuer Mitarbeiter besonderes Gewicht verleiht werden muss.

Amanet.org. (2012). Critical Skills Survey. [online] Available at: http://playbook.amanet.org/wp-content/uploads/2013/03/2012-Critical-Skills-Survey-pdf.pdf [Accessed 24 Oct. 2018].

Wie kriegen wir diesen Wandel an Schulen hin?

Trotz des breiten Konsens liegt die grosse Schwierigkeit in der Frage, wie dieser Wandel des Schwerpunkts, von den Fachkompetenzen hin zu den überfachlichen Kompetenzen, an den Schulen und anderweitigen Bildungseinrichtungen bewerkstelligt werden kann. Schulen unterliegen politischen und gesellschaftlichen Zwängen und Restriktionen; Lehrpläne müssen erfüllt, Personal muss weitergebildet werden, standardisierte Tests wecken Ängste, die Stundenpläne sind ohnehin bereits überfrachtet. Für die Erhebung überfachlicher Kompetenzen – und erst recht für die zielgerichtete Entwicklung – bleibt schlichtweg keine Zeit.

Menon Education: Bildung im digitalen Zeitalter

Diese Problemstellung ist eine, der wir uns bei Menon angenommen haben. Wir möchten einen Beitrag zu diesem Wandel, das heisst also zu einer menschen- und zukunftsgerechteren Bildung leisten, indem wir Instrumente für den kompetenzorientierten Unterricht bereitstellen und dabei die Chancen nützen, die moderne Technologien bieten.


Quellen

(1) Autor, David H. “Why Are There Still So Many Jobs? The History and Future of Workplace Automation.” Journal of Economic Perspectives, vol. 29, no. 3, 2015, pp. 3–30., doi:10.1257/jep.29.3.3.

(2) Amanet.org. (2012). Critical Skills Survey. [online] Available at: http://playbook.amanet.org/wp-content/uploads/2013/03/2012-Critical-Skills-Survey-pdf.pdf [Accessed 24 Oct. 2018].

(3) De.wikipedia.org. (2019). 4K-Modell des Lernens. [online] Available at: https://de.wikipedia.org/wiki/4K-Modell_des_Lernens [Accessed 20 May 2019].

(4) Kurzweil, Ray. The Singularity Is near: When Humans Transcend Biology. Duckworth, 2016. S. 118.

(5) Oecd.org. (2019). The case for 21st-century learning – OECD. [online] Available at: http://www.oecd.org/general/thecasefor21st-centurylearning.htm [Accessed 20 May 2019].

(6) Pennekamp, Johannes. “Folgen Der Digitalisierung: Was Arbeite Ich – Und Wenn Ja, Wie Lange Noch?” FAZ.NET, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17 Aug. 2018, www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/richard-david-precht-warnt-vor-folgen-der-digitalisierung-15741321.html.

(7) Precht, Richard David. Jäger, Hirten, Kritiker Eine Utopie für Die Digitale Gesellschaft. Goldmann, 2019.

(8) Urban, Tim. “The Artificial Intelligence Revolution: Part 1.” Wait But Why, 7 Sept. 2017, waitbutwhy.com/2015/01/artificial-intelligence-revolution-1.html.

(9) Welter, Patrick. “Japan: Versicherer Ersetzt Zahlreiche Mitarbeiter Durch Künstliche Intelligenz.” FAZ.NET, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5 Jan. 2017, www.faz.net/aktuell/wirtschaft/japan-versicherer-ersetzt-mitarbeiter-durch-ki-ibm-watson-14605854.html.