Ein Kompetenzmodell für den Unterricht von morgen

6.4.2021Jasmin
Allgemein

Stellen Sie sich vor, mehr als 1’700 Lehrpersonen erarbeiten kollaborativ ein Kompetenzmodell für den Unterricht von morgen. Und zwar ein Modell, das nicht auf fachlichen Kompetenzen basiert, sondern auf überfachlichen Kompetenzen, die im digitalen Zeitalter zunehmend an Bedeutung gewinnen werden, wie beispielsweise Teamwork, Problemlösungs- oder Reflexionsfähigkeit. Genau das geschieht derzeit im Kanton Zug. Von Februar bis Juni 2021 erschaffen die Lehrpersonen aller Volksschulen des Kantons gemeinsam ein Kompetenzmodell, das sie dereinst in ihrem Unterricht einsetzen werden. Ein Modell, das sich auf hunderttausenden einzelner Meinungen abstützt. So etwas gab’s noch nie. Und mitten drin in dieser Initiative sind wir von Menon. 

Was bedeutet Selbstständigkeit im Kindergarten?

Überfachliche Kompetenzen sind für eine erfolgreiche Lebensbewältigung im digitalen Zeitalter von fundamentaler Bedeutung, so schreibt beispielsweise die Schweizer Expertin für Digitalisierung, Dr. Sarah Genner: 

«Künftige Arbeitskräfte müssen das können, was Maschinen nicht können: Kreativität, Problemlösefähigkeit und Sozialkompetenzen.» [1]

– Dr. Sarah Genner

Die Zukunft eines Landes hängt davon ab, wie gut es ihm gelingt, die künftigen Bürger*innen auf diese Zukunft vorzubereiten. Einen entscheidenden Beitrag hierfür leisten Bildungseinrichtungen. Ihnen fällt die wichtige Aufgabe zu, für die Zukunft bedeutsame Kompetenzen bei ihren Schüler*innen zu erkennen und zielgerichtet zu fördern. Diese Aufgabe bedingt aber einen Wandel. Schulen müssen ihren Fokus verlagern: Von Fachwissen, Zeugnissen und Noten hin zu überfachlichen Kompetenzen. Die Erschaffer des Lehrplans 21, der in 21 Deutschweizer Kantonen und im Fürstentum Liechtenstein die Grundlage des Unterrichts bildet, haben diesen Wandel bereits vor Jahren vorhergesehen. Sie haben im Lehrplan 21 nicht nur Fachkompetenzen, sondern auch neun überfachliche Kompetenzen definiert, die beurteilt und entwickelt werden sollen. Die Schwierigkeit für Lehrpersonen besteht aktuell darin, dass der Lehrplan 21 die Kompetenzen nicht für die unterschiedlichen Altersstufen spezifiziert. Während für Fachkompetenzen genau definiert ist, wann Schüler*innen welchen Kompetenzstand erreicht haben müssen und wie genau sich der Kompetenzstand in ihrem Verhalten der Lernenden äussert, existiert keine altersgerechte Aufschlüsselung überfachlicher Kompetenzen. Was aber bedeutet zum Beispiel Selbständigkeit im Kindergarten, was in der vierten Klasse? Und was auf der Oberstufe? Es ist offenkundig, dass sich solche Kompetenzen in Abhängigkeit des Alters der Schüler*innen ganz anders zeigen. Doch wie genau?

Ein kühnes Unterfangen von Pionierinnen in Zug

Dieses Problem gab den Anlass dafür, dass das Amt für gemeindliche Schulen des Kantons Zug im Jahr 2019 die Initiative startete, ein Kompetenzmodell zu den überfachlichen Kompetenzen des Lehrplans 21 zu schaffen, das den Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt und es möglich machen sollte, in Zukunft den überfachlichen Kompetenzen einen grösseren Stellenwert in Beurteilung und Entwicklung zu verleihen. Die kühne Vision von Martina Krieg und Katja Weber, Leiterinnen des Projektes «Lehrplan 21» des Amtes für gemeindliche Schulen im Kanton Zug: Das Modell sollte nicht primär auf theoretischen Erkenntnissen abgestützt sein, oder gar von einem Expertengremium eigens für den Kanton entwickelt werden. Stattdessen sollte das reichhaltige Erfahrungswissen aller Lehrpersonen des Kantons in den Prozess einbezogen werden. Das Ziel war es, ein Modell zu kreieren, das von jenen Personen mitentwickelt und mitgetragen wird, die sich auch tagtäglich in der Arbeit mit den Schüler*innen befinden. Wer, wenn nicht die Lehrpersonen, Heilpädagog*innen, Schulleiter*innen und Schulsozialarbeiter*innen – so die Annahme – wissen am besten über die Arbeit mit ihren Lernenden Bescheid? Doch wie sollte das gehen? Wie kann man einen produktiven, zielgerichteten und kollaborativen Schöpfungsprozess mit einer so grossen Anzahl Personen in Gang setzen? An diesem Punkt kamen wir von Menon ins Spiel. Als wir zusagten, bei diesem Projekt mitzumachen, hatten wir keine Ahnung, was uns erwarten würde. Aber wir waren verrückt genug uns vom Tatendrang der Zuger Pionierinnen anstecken zu lassen.

Martina Krieg und Katja Weber, Projektleiterinnen Lehrplan 21 des AgS Kanton Zug

«Wir hatten die verrückte Idee, die ganze Lehrerschaft in diesen Prozess einzubeziehen. Und die Leute von Menon waren verrückt genug, bei diesem Projekt mitzumachen.»

– Martina Krieg (Amt für gemeindlich Schulen, Kanton Zug)
Mit der eigens für das Projekt entwickelten Plattform «Menon Research» können Lehrpersonen kollaborativ das Kompetenzmodell der Zukunft erarbeiten.

Wir bauen keine Mauer, wir bauen eine Kathedrale

Das Ziel war klar, der Weg zu diesem Ziel allerdings überhaupt nicht. Über Wochen und Monate entwickelten wir Konzepte, führten Testings durch, verwarfen Ideen und führten viele Interviews. Allem voran mit Lehrpersonen. Unterstützt wurden wir in diesem Prozess von einem Team der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

«Überfachliche Kompetenzen sind wichtig für eine erfolgreiche Teilnahme an Gesellschaft und Leben. Es ist derzeit aber für viele Lehrpersonen herausfordernd, diese zuverlässig zu beurteilen. Es braucht daher Beurteilungsinstrumente, die von Lehrpersonen eingesetzt werden können. Wir finden die Idee sehr innovativ Lehrpersoneneinschätzungen zu überfachlichen Kompetenzen mit einer benutzerfreundlichen App zu erfragen und auf dieser Grundlage Beurteilungsinstrumente zu entwickeln.»

– Ariana Garrotte, Pierre Tuwolitzki (Bildungsmanagement und Schulentwicklung, FHNW)

Die technischen Anforderungen waren rasch bestimmt und bereiteten uns keine Kopfschmerzen. Die wesentlich wichtigere und schwierigere Frage war, wie es uns gelingen konnte, dass die Plattform weit mehr als ein blosses Umfrage-Instrument werden würde, nämlich eine sinnstiftende Erfahrung. Dies war der Anspruch, den wir an uns selber stellten. Die Lehrpersonen, die unsere Plattform nutzen würden, sollten sie nicht als mühselige Arbeit, sondern als inspirierende Kollaboration erleben. Um den britisch-US-amerikanischen Autoren und Unternehmensberater Simon Sinek zu zitieren:

„We don’t want to come to work to build a wall, we want to come to work to build a cathedral.“ [2]

– Simon Sinek

Um ein Kompetenzmodell kollaborativ entstehen zu lassen, das auch wissenschaftlichen Anforderungen genügt, ist eine grosse Datengrundlage nötig. Wir waren also angewiesen darauf, dass die Lehrpersonen eifrig mitarbeiten. Es musste uns gelingen, eine Mehrheit von ihnen nachhaltig für diese Initiative zu motivieren. Dass die Lehrpersonen die Arbeit als sinnstiftend empfanden war nur eines der Pferde, auf das wir setzen. Das zweite hiess Gamification.

Trophäen, Dumbledore und ein Wettbewerb

Statt die Expertise der Lehrpersonen mit Hilfe langweiliger Umfrage-Formulare oder sperriger Excel-Sheets einzuholen, kreierten wir eine Web-Plattform, die unterschiedliche Arten von Missionen generiert, denen sich die Lehrpersonen annehmen können. Auf sie warten Missionen der Stufe «Beginner», «Advanced» und für die besonders tüchtigen der Stufe «Dumbledore». Die Missionen verfolgen unterschiedliche Ziele. Ein Missionstyp überprüft, welche konkreten beobachtbaren Verhaltensweisen für Kompetenzen (Indikatoren) am meisten Rückhalt in der Lehrpersonen-Community geniessen. Die Missionen des Typs “Fächer-Mix-Max” gehen der Frage auf den Grund, ob sich Kompetenzen in unterschiedlichen Fächern unterschiedlich zeigen und “Perlentaucher” versucht ein Ranking zu generieren, von den wichtigsten Indikatoren für Kompetenzen bis zu den am wenigsten bedeutenden. Weitere Missionstypen werden fortlaufend konzipiert und veröffentlicht. Allen Missionen ist gemeinsam, dass sie Einblick in die Frage geben sollen, in welchen Verhaltensweisen von Schüler*innen in Abhängigkeit von Alter und Unterrichtskontext sich die neun Kompetenzen des Lehrplans 21, Reflexionsfähigkeit, Selbstständigkeit, Eigenständigkeit, Teamwork, Respektvoller Umgang, Sprachfähigkeit, Informations- und Problemlösungskompetenzen zeigen.

Auf Menon Research erwarten die Lehrpersonen Missionen, die sie bearbeiten können. Die Missionen konsultieren das reiche Erfahrungswissen der Lehrpersonen. Mit jeder gelösten Mission fliessen wertvolle Erkenntnisse in das Modell ein.

Die Missionen sind aber nicht unser einziger Trumpf. Die Nutzer*innen erhalten auch Belohnungen für ihre persönlichen Erfolge sowie für die Erfolge ihres Teams. Und zwar nicht nur in der Form hübscher Pokale und sympathischer Einhörner. Sie können sich zudem in einem Wettbewerb mit anderen Schulen messen. Das Gewinner-Team erwartet ein Apéro Riche, gespendet vom Amt für gemeindliche Schulen des Kantons höchstpersönlich. Das Rennen um Platz 1 ist derzeit noch offen.

Um die Lehrpersonen nachhaltig zu motivieren, versuchen wir aus der «Umfrage» ein Sinn-stiftendes Erlebnis zu machen. Und wir setzen auf klassische Gamification-Elemente.

Eine Million Meinungen

Bereits am ersten Tag nach Lancieren der Plattform bestätigte sich unsere Annahme: Lehrpersonen sind motivierte Menschen mit einem vorbildlichen Berufsethos. Und sie mögen offenbar Games. 🙃 Nur 12 Stunden nach Inbetriebnahme der Plattform waren bereits über 60’000 Meinungen abgegeben worden, die Lehrpersonen hatten mehr als 900 Missionen gelöst. Und noch hatte sich erst ein Bruchteil aller Lehrer*innen überhaupt registriert. Eine Woche später waren es 200’000 Meinungen und 2’000 absolvierte Missionen. Unser verrücktes Ziel, in drei Monaten die Millionen-Grenze zu knacken, scheint gar nicht mehr so verrückt zu sein. Die wahnsinnige Kooperation der Lehrpersonen wird es uns ermöglichen, mehr Qualität und Tiefe in das Modell zu bringen. 

«Ich finde es toll, dass die Entwicklung des Kompetenzmodells sich auf den Bedürfnissen aller Lehrpersonen des Kantons abstützt, indem es die Meinung ALLER einholt.»

– Fachgruppe Mathematik

«Durch die gemeinsame Erarbeitung entsteht auch eine gemeinsame Sprache unter den Lehrpersonen.»

– Fachgruppe Deutsch

«Wenn die Basis von Anfang an mitarbeitet, entsteht etwas Brauchbares, etwas aus der Praxis – von Lehrpersonen für Lehrpersonen.»

– Fachgruppe Deutsch

«Alle Lehrpersonen aus allen Zuger Gemeinden erarbeiten kooperativ ein gemeinsames Instrument. Dies schafft Einheitlichkeit über das eigene Schulhaus hinaus.»

– Fachgruppe NMG

«Es ist eine riesige Chance, wenn die Erfahrung und das Wissen aller Lehrpersonen des Kantons Zug in dieses Tool einfliessen können.»

– Fachgruppe ICT-OSKIN

Ein Kompetenzmodell für einen kindgerechten Unterricht von morgen

Der Kanton Zug leistet mit dieser Initiative Pionierarbeit im Bildungsbereich. Dank dieser Arbeit werden die Zuger Lehrpersonen als erste schweizweit überhaupt über ein altersspezifisches Kompetenzmodell zum Lehrplan 21 verfügen. Damit begnügen wir uns aber nicht. Von der Arbeit der Zuger Lehrpersonen, des Amtes für gemeindliche Schulen und von Menon sollen in Zukunft auch andere Kantone und Schulen profitieren. Das Ziel ist es, eine Disruption anzustossen, hin zu einer kindergerechten, auf bedeutende Kompetenzen des digitalen Zeitalters fokussierte Förderung und Beurteilung. Für uns von Menon ist das  Modell erst der Anfang der Vision, die wir verfolgen. Wir möchten allen Schulen in Zukunft ein Instrument zur Verfügung stellen, das es möglich macht, jene Talente und Entwicklungspotenziale der Schüler*innen sichtbar zu machen, die derzeit weitgehend verborgen bleiben, und zwar mehrperspektivisch. Wir wollen, dass unsere Kinder und Enkelkinder dereinst Beurteilungen erfahren, die der Vielseitigkeit von Kindern und Jugendlicher gerechter werden, als es die Eindimensionalität einer Note im Zeugnis jemals zu tun vermag.

Eine Plattform für die Lehrpersonen des Kantons Zug. In Zukunft sollen aber alle Schulen von den Erkenntnissen profitieren können.

[1] Genner, S. (2020) Kompetenzen und Grundwerte im digitalen Zeitalter, In: «Aufwachsen im digitalen Zeitalter», Schweizerische Eidgenossenschaft, S.10.

[2] Sinek, Simon. Start with Why: How Great Leaders Inspire Everyone to Take Action. Portfolio Penguin, 2019, S. 135.